Reiseberichte

Die Tourismus Droge

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Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.
Hans-Magnus Enzensberger

Grad sitz‘ ich in Tulum. Wunder mich über die Massen an Touristen. Sie strömen aus den USA, Südamerika und natürlich auch Europa hier her. Als ich mit dem Bus den Ort der Karibik-Ruinen erreichte und durch die Strassen lief, überraschte mich ein Bild des „Grauens“. Souveniershops, Restaurants und Bars wechseln sich regelmässig entlang der Hauptstrasse ab. Mehrere hundert Meter geht das so. Vor wenigen Jahren soll dieser Ort noch ein Paradis für Backpacker gewesen sein. Nun ist er ein Traum für Hipster und Pauschaltouristen.
Die Immobilienpreise sind in wenigen Monaten derart in schwindelerregende Höhe geschossen, dass sich Mexikaner kaum noch die Mieten leisten können. Es bleiben den Locals also nur zwei Optionen: Entweder sie suchen das Weite und verlassen ihre Heimat oder sie treiben ihre eigenen Einkommensquellen in die Höhe. Doch meist stehen die ausländischen Investoren bereits Schlange, um ihr Geld vor Ort loszuwerden. Da sind die meisten Einheimischen mit Einnahmequellen regelrecht den Investoren ausgeliefert.
Grosszügig übergibt dann der Tourist dem Kellner ein nettes Trinkgeld – is ja auch nen armer Typ. Im darauffolgenden Jahr ist die Grosszügigkeit bereits zum Symbol des Tourismus geworden und wird für den Beschenkten zur Selbstverständlichkeit.
Einheimische, die mit ihrem Job im Tourismus weniger Glück haben, versuchen an Hotpots, wie z.B. Chichén Itzá, ihre selbst bemalten Steinreliefe Made in China an den Mann oder die Frau zu bringen. Längst erinnern die Maya-Ruinen mehr an einen extra für Touristen erschaffen weitläufigen Souvenir-Markt, mit einer beeindruckenden Kulisse, als an ein mexikanisches historisches Denkmal.
Wie auch immer, die Preisspirale treibt sich im Turbogang selbst voran. So wie das halt so oft in Touri-Hochburgen ist.

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Wie eine Droge, frisst sich der Tourismus durch ganze Gesellschaftsformen. Wie eine Droge, macht er Menschen von sich abhängig. Wie eine Droge, verändert er das Verhalten der Einwohner nachhaltig. Wie eine Droge, ist es nur sehr schwer wieder von ihm los zu kommen.

Vor wenigen Monaten war ich in Kenia. Da stand das Land bei den Medien unter keinem guten Stern. Ständig war über Entführungen und Anschläge der somalischen Al-Shabaab zu lesen. Es dauerte nicht lange, schon wurden die ersten Reisewarnungen vom amerikanischen und britischen Aussenministerium über das Land verhängt. Das deutsche Auswärtige Amt hielt sich etwas zurück und nahm nur den Norden und die Küstenregionen Kenias auf die Liste der No-Go-Areas. Kurz darauf brach der Tourismus um bis zu 40% ein.
Seit dem leidet das Land förmlich unter dem Entzug der Droge Tourismus. Pauschaltouristenorte wie der Diani-Beach oder Mombasa stehen nun förmlich leer. Hotels schlossen auf unbestimmte Zeit, wegen ausbleibender Besucher. Die ganze, über die Jahre gewachsene Infrastruktur für ausländische Besucher stand kurz vor dem Ruin. Angefangen bei den einfachen Bachboys, die versuchen Schnorchelausflüge an die Touristen zu bringen, bis hin zum Safari-Guide, der Tierbegeisterte durch die grossen Nationalparks führt.

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Einst war Italien das Traumziel vieler Deutscher. Was gab es wohl für so viele in den 60igern schöneres, als seinen hart erarbeiteten Jahresurlaub mit seiner Familie an der sonnigen italienische Adria zu verbringen. Betonburgen wuchsen aus Grund und Boden in perfekter Massenästhetik. Am Strand von Rimini lagen, und liegen noch immer, jeden Sommer aufs neue, tausender gebräunter Sonnenanbeter, wie die Sardinen Seite an Seite. Eingelegt in duftender Sonnenlotion. Der Backpacker spottet darüber und der Abenteurer schüttelt bei solch einem Anblick nur angewidert den Kopf. Ich geb’s zu – ich bin da nicht anders.

Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet, soll Hans-Magnus Enzensberger einst gesagt haben. Seit dem ich dieses Zitat das erste mal gehört habe, philosophiere ich ständig darüber rum und bekomm die Worte nicht mehr aus meinem Kopf.

Aber womit wird eigentlich das Fundament des Tourismus gelegt? Soweit mir bekannt ist, folgt dieser Prozess fast immer dem selben Schema: Erst erreichen die Abenteurer die exotischsten Orte dieser Welt. Sicherheit auf Reisen ist für sie kaum ein Thema. Je schwieriger die Reise, desto grösser die Herausforderung. Stolz berichten sie über ihr Erlebtes. Angezogen von den wunderbaren Erlebnissen folgen die Nachahmer – meist die Backpacker. Etwas Abenteuer soll’s auch für sie sein. Aber Hauptsache günstig. Der lokale Fischersmann freut sich noch über die zusätzlichen Einnahmen, die er für seine Überfahrt auf eine vermeintlich einsame Insel erhält.
So beginnt dann schleichend die Droge des Tourismus zu wirken. Im Freudentaumel frohlockt das liebe Geld. Investoren reiben sich mit $-Zeichen in den Augen schon die Hände. Infrastrukturen werden ausgebaut. Der einst abgelegenen Orte ist nun längst keiner mehr. Daraufhin folgen auch schon die ersten Pauschaltouristen und irgendwann landet ein Angebot auf den Webseiten von TUI oder Expedia.
Sollte es deshalb nicht vielmehr heissen: „Der Reisende zerstört, was er sucht, indem er es findet“?

Gerade wir, die informieren und berichten – zumeist Positiv über spektakuläre Reiseziele. Oft auch von Orten, die nicht von Pauschaltouristen besucht werden. In dem Moment, in dem wir auf den Button „Veröffentlichen“ klicken und unseren Text auf die Menschheit loslassen, haben wir womöglich bereits die Welt ein Stück verändert. Vielleicht ist das auch der erste Schritt zum Massentourismus.
Man leitet womöglich die Weichen für etwas ein, was man eigentlich nicht besonders achtet. Es ist Paradox…

Einst hat dieser Prozess Jahre benötigt, bis nach den Abenteurern auch die ersten Touristen ins ferne, exotische und neue Land trudelten. In Zeiten von Billigfliegern, des Internets und Social-Media reduziert sich der Zeitraum  durchaus auf wenige Monate. Mit Google Maps, Tripadvisor, Reiseblogs und Co. ist es noch nie so einfach gewesen, sich seine Traumdestination in fernen Ländern herauszupicken. Sich inspirieren zu lassen.
Vor wenigen Jahren machte Myanmar die Spirale zur Massentouristentauglichkeit durch. Überall war von dem „neuen“ faszinierendem Land in Südostasien zu lesen. Es war nicht einmal nötig seine Reise intensiv zu planen. Man musste sich nur seinen täglichen Kaffee im Laden mit der dampfenden Röstbohne kaufen und traf auf Werbeprospekte mit Slogans wie „von Myanmar verzaubern lassen“.

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Ich bin selbst auf diesen One-Way-Train aufgesprungen. Habe mich mutig in die Berge des Shan-Staates gewagt, trotz vermeintlicher militärischer Sperrzonen. Wollte dort unbedingt hin, solange die Gegend noch seine Jungfräulichkeit besitzt. Die Menschen haben mich dort überraschend mit offen Armen empfangen. Sie haben sich über die ersten westlichen Besucher gefreut und mich freundlich zum Tee eingeladen. Ohne Gegenleistung. Einfach, weil es in ihrer Natur lag. Nur des Kamas wegen. Diese Unbeschwertheit hat mich fasziniert.
Und was mache ich? Schreib einen Blogbeitrag darüber. Die Bergbewohner werden es mir danken, wenn die ersten mit Trinkgeld um sich werfenden Touristen an ihre Haustür klopfen und um einen Tee bitten.
Jüngst ist Kuba das neue Myanmar. Es ist schier unmöglich, sich durch die Medien zu wälzen ohne einen „Jetzt noch, bevor die Amis kommen!“ Beitrag zu lesen. Da hör ich auch schon die ersten sagen: „Kuba ist schon jetzt viel zu überlaufen!“ und „In Kuba geht’s nur noch ums Geld!“

Unweigerlich kommt mir die Frage in den Sinn, bin ich nicht also auch ein Teil des Tourismus Drogen Problems? Vielmehr womöglich als dessen Lösung? Streichle ich mir mit dem Veröffentlichen meiner Erlebnisse in Form meines Blogs einfach nur mein viel zu großes Ego? Trachte ich, vielleicht unbewusst, nur nach Anerkennung? „Ja, das hast du gut gemacht!“ ruft mir mein Unterbewusstsein mit jedem Like zu. Es freuen sich die Social Media Kanäle über das Freudsche Grundbedürfnis.
Klar, kann ich mir einreden: Die paar Follower! Was sollen die 20 aktiven Leser schon anrichten?
Aber der erste Schritt ist getan. Unwiderruflich.

Und schon wären wir wieder bei dem vielzitierten Satz von Herrn Enzensberger. Vielmehr wäre dieser wohl korrekt „Der Reisende zerstört, was er sucht, indem er darüber berichtet“.

Doch wie damit umgehen? Das Erlebte für sich behalten? Wie lange würde es dauern, bis ein anderer über den traumhaften Ort berichtet? Trage ich überhaupt Verantwortung über die Tourismus-Entwicklungen, die scheinbar unausweichlich sind? Ist es denn meine Schuld, dass ich womöglich mal was bei einer BBC Doku gesehen habe oder auf nem anderen Reiseblog inspiriert wurde? Nicht drüber schreiben ist wohl auch keine Lösung.

Nachhaltiges Reisen ist womöglich eine gute Idee. Aber wer will sich das schon ständig leisten?

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Patrick
written by: Patrick

16 Comments

  • Puh, schwere Kost am frühen Morgen auf der Couch mit dem ersten Tee in der Hand. Ich weiß noch, ich bin letztens auf deinen Blog gestoßen, weil ich etwas über Namibia gesucht und dabei deine wunderschönen Fotos gefunden habe. Da kam die Sehnsuch nach Afrika wieder bei mir auf, die ich schon seid Jugendtagen habe, als ich zum ersten Mal „Hatari“ sah. Früher sah ich mich dann immer einsam durch die Savanne traben, nur mit Zelt und einem Gewehr (würd ich natürlich im Leben nicht tun, lach). Heute ist mir klar, wenn der Fotograf sich umgedreht hätte, in einem anderen Winkel fotografiert hätte, dann wären auf dem Foto nicht die idyllische Landschaft und ein Tier sondern ggf. 10 Safaribusse mit Touris zu sehen gewesen.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, die traumhaft einsamen Klippen in Irland sind seid einigen Jahren alles – nur nicht mehr einsam. Gleichwohl natürlich immer noch wunderschön. Nur muss man die Schönheit teilen.
    Das fängt ja schon im Kleinen hier zu Hause an. Fährt man an einem schönen sonnigen Sonntag Nachmittag zum See, weil man mal aus der Stadt ein wenig in die Natur will, dann hatten garantiert 1000 andere Städter den gleichen guten Gedanken.
    Ein Reiseblogger ist immer auch ein wenig mitverantwortlich dafür, dass man sich Orte anschauen will. Wäre das nicht so, dann wäre er nicht gut. Denn natürlich versucht er das Bestmögliche aus den Fotos rauszuholen. Die Pyramide nicht mit den ganzen Menschen drauf zu fotografieren, nicht den Müll am Strand oder die Stände mit Porzellan made in was-auch-immer. Genauso wie ein Reisebericht in einer Zeitschrift oder sonstwo das tut.

    Ich schreibe und schreibe hier meine Gedanken und merke, so eine richtige Antwort habe ich auch nicht. Vielleicht gibt es die einfach nicht und Tourismus und seine guten wie auch seine schlechten Auswirkungen sind unvermeidlich? Deshalb aufzuhören, über schöne Orte zu berichten, ist glaube ich der falsche Weg. Das wäre eine Schande. Vielleicht wäre ein Reisebericht, der auch ruhig mal die Schattenseiten aufzeigt, ein guter Mittelweg? Quasi ein Fazit… hier ist es schön aber man muss auch sehen, dass.. Bericht? Ich weiß es nicht.

    Trotzdem danke ich für den guten Denkanstoß. Und ich werde den Post mal auf meiner Seite bei fb teilen, denn ich finde, über so etwas lohnt es sich, gründlich nach zu denken.
    Aber auf weitere schöne Fotos und Berichte, freue ich mich auch :-)

    Viele Grüße aus dem Ruhrgebiet… Haydee

    • Dank dir für deinen wirklich ausführlichen Kommentar! Bin doch überrascht, wie viele die Problematik ähnlich wie ich sehen.
      Freut mich auch, dass dir meine Bilder gefallen. Du hast da natürlich recht damit, dass es oft eine Frage der Perspektive ist, wie man ein Motiv darstellt. Wenn auch nicht immer. Es gibt durchaus noch Ecken, auch in Namibia, an denen man die Natur (fast) für sich alleine hat.
      Viele Grüsse ins Ruhrgebiet
      Patrick

  • Hallo Patrick,
    sehr schwieriges und kontroverses Terrain auf dem du dich da bewegst. Ich habe mir dazu auch schon eine Menge Gedanken gemacht. Gerade in den letzten Jahren, da sich das Reisen schon sehr verändert hat. Die Welt ist „kleiner“ geworden. Als ich vor 25 Jahren mit dem Rucksack unterwegs war, traf man vorwiegend Nord- und Mitteleuropäer sowie Amerikaner, im asiatischen Raum noch Australier. Heute triffst Du an den Hotspots die ganze Welt. Tulum kenne ich aus den 90ern noch als kleines staubiges Nest. Am Strand gab es nur zwei einfachste Hüttenanlagen, sonst nichts. Heute ist es scheinbar das neue Bali oder Ibiza geworden. Schon schade, aber für die Bevölkerung gesehen auch Chancen und mehr Wohlstand. Kann man ihnen Wirklich das Streben danach verwehren? Dürfen wir so egoistisch sein, die vermeintlich schönen Plätze nur für uns zu beanspruchen?
    Grundsätzlich birgt der Tourismus nämlich auch positiven Chancen, die auch für die politische Stabilität eines Landes von Vorteil sein können (siehe Myanmar) wirtschaftlicher Aufschwung, Erhalt von Kultur und kulturellen Denkmälern, Einrichtung von Naturschutzzonen, Nationalparks zum Erhalt der Artenvielfalt, usw. usw. Vorausgesetzt natürlich eine Regierung erkennt das Potenzial und weiß seine Ressourcen weise zu verwalten oder lernt wenigstens aus Fehlern.
    Beispiel auch Kuba. Auch da war ich in den 90er und habe die Menschen leiden sehen unter der Isolation. Ist es nicht selbstsüchtig ihnen nun den Anschluss zu missgönnen auch wenn es dann nicht mehr so toll authentisch und ursprünglich ist….
    Ich verstehe grundsätzlich was du sagen willst, denke ja ähnlich, aber wir müssen auch tolerant und offen sein. Letztendlich verlagert sich doch auch viel. Die Abenteurer ziehen weiter, die Backpacker folgen, neue Chancen entstehen …
    Ich weiß auch nicht wieviel Einfluss wir grundsätzlich als Schreiberlinge darauf haben. Die Botschaften haben sich auch früher schon wie ein Lauffeuer verbreitet. Dennoch ist es wichtig auch solche unbequemen Themen anzusprechen. Insofern Danke für Denkanstoß!

  • Ein bemerkenswerter Artikel ist das mit einem Thema, das auch mich schon lange beschäftigt. Die „richtige“ Lösung dafür gibt es wohl nicht und letztendlich liegt es immer an den Menschen, wie sehr und in welche Richtung sich ein Reiseziel verändert. Es gäbe so unendlich viel dazu zu sagen und zu schreiben, aber das würde den Rahmen hier sicherlich sprengen.

  • Das ist mal ein ordentlich kritischer Blick auf das Vielreisen. :-) Aber die Worte sind wahr, und deine Beispiele sind gut gewählt.
    Eine Lösung zu finden dürfte unmöglich sein. Ich schreibe gerne über die Orte wo ich war, die Menschen, die ich getroffen habe. Allerdings bin ich meist dort wo ohnehin schon viel los ist. Ein bisschen rein ist mein Gewissen also schon. :-)
    Gruß, Max

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